Kennst Du das auch? Du hast Dir richtig Mühe mit Deinem Portfolio gegeben. Schön gestreut, wie es alle Experten predigen: ein paar deutsche Autoaktien, etwas Tech aus den USA, vielleicht noch ein japanischer Elektronikkonzern. Du fühlst Dich sicher. Doch dann kommt der Crash – und plötzlich rauschen alle Deine Aktien gemeinsam in den Keller. Deine mühsam gebaute Rettungsweste, die "Diversifikation", hat versagt. Frustrierend, oder?
Die bittere Wahrheit ist: Wenn an der Börse Panik ausbricht, verhalten sich die meisten Aktien erschreckend ähnlich. Die sogenannte Korrelation schießt in die Höhe. Einfach gesagt: Alle verkaufen alles, egal aus welcher Branche oder welchem Land. Aber was kannst Du tun, um Dein Depot wirklich sturmfest zu machen? Gibt es eine bessere Strategie als die, die bei schönem Wetter funktioniert, aber im Sturm den Geist aufgibt?
Eine smartere Art der Streuung: Das faktorbasierte Investieren
Die Antwort lautet Ja, und sie ist cleverer als man denkt. Statt nur nach Ländern oder Branchen zu streuen, kannst Du nach bestimmten, wissenschaftlich belegten Merkmalen von Aktien filtern. Man nennt das „faktor-basiertes Investieren“. Stell es Dir vor, als würdest Du nicht einfach irgendwelche Äpfel kaufen, sondern gezielt die knackigsten, saftigsten und süßesten aussuchen.
Drei dieser "Erfolgsfaktoren" sind besonders bekannt:
1. Qualität (Quality): Hier konzentrierst Du Dich auf kerngesunde Unternehmen. Das sind Firmen mit stabilen Gewinnen, robusten Bilanzen und einem fähigen Management. Sie sind wie ein Fels in der Brandung und geraten in Krisen seltener ins Wanken.
2. Bewertung (Value): Das ist der Ansatz für Schnäppchenjäger. Du suchst nach qualitativ hochwertigen Firmen, deren Aktien an der Börse gerade unterbewertet sind. Du kaufst also quasi einen Euro für 50 Cent – ein Puffer, der sich gerade in unruhigen Zeiten bezahlt macht.
3. Momentum: Mit diesem Faktor reitest Du auf der Erfolgswelle. Du investierst in Aktien, die in der jüngeren Vergangenheit bereits eine starke Kursentwicklung gezeigt haben. Der Gedanke dahinter ist, dass Trends an der Börse eine gewisse Zeit anhalten.
Das Tolle daran ist: Wenn Du diese Faktoren kombinierst, baust Du Dir ein Portfolio, das nicht nur in Krisen tendenziell stabiler ist, sondern oft auch eine bessere Rendite erzielt als der breite Markt.
Von der Theorie zur Praxis
Was früher nur großen Profianlegern wie Staatsfonds aus Norwegen vorbehalten war, ist heute auch für Dich zugänglich. Es gibt spezielle ETFs, die genau nach diesen Faktor-Strategien aufgebaut sind.
Profi-Investoren gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie analysieren mit „Natural Language Processing“ die Sprache von Managern auf Konferenzen, um deren tatsächliche Zuversicht zu messen. Oder sie werten Kreditkartendaten aus, um fast in Echtzeit zu sehen, wie sich die Umsätze einer Firma entwickeln. Das zeigt, wie tief die Analyse gehen kann.
Aber Achtung: Auch diese Strategie ist kein Allheilmittel, das jeden Verlust verhindert. Sie kann die Schläge eines Crashs aber deutlich abfedern. Wichtig bleibt der Grundsatz, den auch Radatz predigt: „Time in the market beats timing the market“. Es ist also besser, investiert zu bleiben, als zu versuchen, den perfekten Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu erwischen.
